Kraftwerk im Miniformat

Pfaffenhofen (PK) Ein Biomasse-Heizkraftwerk im Kleinformat hat die Entrade Energiesysteme AG aus Pfaffenhofen auf den Markt gebracht.

23.12.2015 18:19 Uhr

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Vor dem Entrade-Hauptsitz im Pfaffenhofener Gewerbegebiet warten Ingenieure aus Irland, aus Polen, sogar aus Indien, bis sich das Garagentor öffnet. Drinnen knattert regelmäßig der ganze Stolz der Ingenieure vor sich hin. Ein Propeller bläst die warme Luft nach draußen. Als sich das Tor öffnet, drängen die Gäste beim „Open Day“ an die silbern ummantelten Rohre und Generatoren des Mini-Kraftwerks. Gerade zwei auf zwei Meter ist es groß – und ebenso hoch. In einem Kellerraum hätte es Platz. Aber was es leistet, lässt Dieselaggregate eher alt aussehen.

Aus Holzpellets, Biomüll, Plastikabfällen, alten Autoreifen, zerhäckselten Wein- oder Hopfenreben, Heu oder Nussschalen erzeugt das E 3 Strom für bis zu 40 Privathaushalte und zusätzlich ausreichend Wärme für vier Wohnhäuser. „Schließen wir zehn dieser kleinen Kraftwerke zusammen, erzeugen sie so viel Strom wie ein großes Windrad“, erzählt Vertriebsleiter Felix Ertl. Die Zuhörer staunen. Denn das E 3 arbeitet angeblich nicht nur äußerst effektiv – der Wirkungsgrad liegt bei 85 Prozent – sondern auch absolut zuverlässig. Die Ingenieure sprechen von 94 Prozent Volllast, unter der das Gerät laufen kann. Bis zu 8000 Stunden pro Jahr kann es „volle Pulle“ Strom und Wärme erzeugen. „Das ist weltweit im Grunde konkurrenzlos“, versichert Ertl.

Möglich wurde das vor allem deshalb, weil die Pfaffenhofener durch ihre grundlegende Forschungsarbeit in den vergangenen Jahren ein technisches Problem lösen konnten, an dem viele anderen Ingenieure bislang scheiterten. Die Generatoren erzeugen neben Wärme und Strom nämlich auch ziemlich viel Teer, der sich in den Motoren festsetzt – und weshalb diese immer wieder mit hohem Aufwand gereinigt werden müssen. „Der E 3 läuft so gut wie teerfrei“, sagt Bastian Schwarz, der wie Ertl im Vertrieb des Unternehmens arbeitet.

Ursprünglich hat Entrade mit Großkraftwerken zusammengearbeitet. Mit dem E 3 dringt das Unternehmen in einen neuen Bereich vor. „Unser Mikro-Biomasse-Generator soll mittelfristig das Dieselaggregat überflüssig machen“, sagt Bastian Schwarz. In Deutschland sage das den Menschen kaum etwas. Aber in Entwicklungsländern, vor allem in Afrika, sei das ein gewaltiges Thema. Biomasse sei dort überaus günstig. Die Abfallprodukte würden dort quasi umsonst auf der Straße liegen. Ein konkretes Beispiel liefere die Türkei. Millionen Tonnen an Haselnussschalen würden dort Jahr für Jahr schlichtweg nur verbrannt. „Was für ein Potenzial, um daraus Strom und Wärme zu produzieren“, fügt Schwarz fast an. Etwa 150 verschiedene Brennstoffe haben die Entrade-Ingenieure mittlerweile erfolgreich getestet. Mit allen schnurrt das E 3 wie ein Kätzchen. Einsatzmöglichkeiten gibt es viele. Das Krankenhaus im afrikanischen Hinterland kann das kleine Kraftwerk genauso kostengünstig und sicher mit Strom versorgen wie den Gewerbebetrieb am Stadtrand oder den kleinen Weiler im Holledauer Hinterland. Nachhaltig, umweltfreundlich und kostengünstig sind die Attribute, mit denen Ertl und Schwarz werben. „Wir brauchen keine Sonne und keinen Wind, um umweltfreundlichen Strom zu produzieren – und der E 3 läuft Tag und Nacht.“

Schon länger erregt es weit über Deutschland hinaus Aufsehen, was die Technikschmiede aus Pfaffenhofen auf die Beine stellt. 2006 ist sie aus der Firma Agnion hervorgegangen. Und nun – neun Jahre und Investitionen in Höhe von 70 Millionen US-Dollar später – wird sie in Kürze an den Private Markets der amerikanischen Technologiebörse Nasdaq gelistet (siehe Infokasten). Auf diesem Weg soll frisches Kapital in das Unternehmen fließen, das weiter expandieren möchte. Am Standort Pfaffenhofen zweifelt bei Entrade niemand. Erst kürzlich wurde sogar ein Vorstoß unternommen, den Verwaltungssitz aus Düsseldorf zurück in die Holledau zu verlegen. Noch ist nichts daraus geworden. Aber vom Tisch ist das Thema nicht. Der einzige Hemmschuh für das aufstrebende Unternehmen ist der Fachkräftemangel in der Region. Zwischen München und Ingolstadt würden die meisten Ingenieure so schnell wie möglich in die etablierten Firmen, vor allem zu den großen Autoherstellern, drängen. „In Deutschland ist offenbar wenig Platz für die Start-up-Mentalität, die für unsere Nischentechnologie unbedingt nötig ist“, sagt Felix Ertl. Wer allerdings etwas erleben, aufbauen oder sich beweisen möchte, sei bei Entrade am rechten Fleck.

Von Patrick Ermert

“ Das Mini-Biomasse-Heizkraftwerk E 3 stellte Bastian Schwarz beim »Open Day« in Pfaffenhofen Fachleuten aus ganz Deutschland, Irland, Polen und Indien vor. Das kleine Kraftwerk kann Biomasse auf effektive Weise in Wärme und Strom umwandeln - und eine umweltfreundliche, aber dennoch günstige Grundversorgung für kleine Dörfer, Wohngebiete, Firmen oder Krankenhäuser sicherstellen - Foto: Ermert „ ENTRADE Team
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